Wie das Internet der Dinge die Medizintechnik revolutioniert
Healthcare 4.0 – Die Zukunft der Medizin ist digital

Das Internet der Dinge (Internet of Things – IoT) verändert die Art wie wir leben fundamental. Die flächendeckende Verfügbarkeit von Sensoren und Wireless-Netzen verändert Verkehr, Industrie, Handel und Medizin. Alles ist vernetzt, flexibler und effizienter, wovon Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen profitieren.
In der Medizintechnik kommt noch eine weitere Dimension hinzu: Anders als beim allgegenwärtigen Schlagwort Industrie 4.0 bezieht Medizin bzw. Healthcare 4.0 auch den Faktor Mensch in den Prozess der Leistungserstellung mit ein.

Denn die Medizintechnik ist eine unmittelbar personenbezogene Dienstleistung, die mehr und mehr auf den einzelnen Patienten ausgerichtet ist.
Konkret heißt das für Healthcare 4.0: die Therapie kann so beispielsweise exakt auf genetische und andere Merkmale des Patienten angepasst werden. Und dank Telemedizin erfolgt die Behandlung nicht mehr ausschließlich in der Arztpraxis, sondern ebenso zu Hause.

Erhebliches Einsparungspotenzial bei den Kosten

Das Internet der Dinge übernimmt eine wesentliche Rolle in der Sicherung des Gesundheitssystems. Damit können Gesundheits- und Pflegesysteme dem weltweiten Anstieg des Kostendrucks und dem Mangel an Fachpersonal begegnen.
Die Kosten der medizinischen Versorgung werden jedoch durch die zunehmende Überalterung der Bevölkerung weiter erheblich steigen. Experten erwarten, dass sich bis Ende der 2030er Jahre der Anteil der Weltbevölkerung über 65 Jahre von aktuell rund sieben Prozent auf über 15 Prozent verdoppeln wird. In den Industrieländern wird dieser Anteil weit höher liegen. Viele Menschen in dieser Altersgruppe werden mit chronischen Erkrankungen leben, die regelmäßiger Behandlungen und ärztlicher Betreuung bedürfen.

Die Folge: ein enormer Anstieg der Kosten im Gesundheitssystem, dem sich im Wesentlichen nur über informationstechnische Verfahren und Telemedizin wirksam begegnen lässt.
Ein weiterer Kosteneinsparungsfaktor sind die Bereiche Wellness, Fitness und Prävention. Das Internet der Dinge kann hier dazu beitragen, Gesundheitsprobleme frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden. Geräte dafür sind heute bereits überall im Einsatz, wie beispielsweise Wearables (Schrittzähler, Fitnessarmbänder, Aktivitäts-Tracker) und tragbare Messgeräte (für Blutdruck und Blutzucker).

Sicherheit vor Cyberangriffen auf medizinische Geräte

Doch dort, wo die Digitalisierung die Gesundheit oder gar das Leben von Menschen betrifft, gelten besondere Sicherheitsbedürfnisse. Zwar werden Neuerungen schneller entwickelt als je zuvor, doch Sicherheitsaspekte bleiben allzu oft unberücksichtigt.
Der Grund: Im internationalen Wettbewerb ist es unverzichtbar, Leistungen rasch und permanent zu optimieren. So werden häufig bislang analoge Produkte, wie Instrumente, Implantate und Containersysteme, mit digitaler Technologie erweitert.
Um wettbewerbsfähig zu bleiben, ist die Versuchung für einige Hersteller groß, bei der IT-Sicherheit Kompromisse einzugehen.

Globale Lieferketten und komplexe Verflechtungen verschiedenster Unternehmen erschweren die verlässliche Balance von Authentifizierung, Autorisierung und Datenintegrität zusätzlich.
Doch das Thema Sicherheit ist elementar – und damit ist längst nicht nur Datensicherheit gemeint, sondern auch die Sicherheit einzelner Geräte und ganzer Gesundheitseinrichtungen. Nach Studien sind bereits unzählige Geräte, darunter digitale Aufzeichnungssysteme, Röntgengeräte, Defibrillatoren und Infusionspumpen für Medikamente mit Schadsoftware verseucht. Sie gefährden nicht nur das Patientenwohl, sondern verursachen enorme Folgekosten.

Richtlinien für Sicherheitsstandards

In den USA und in Europa beginnen Behörden, erste Richtlinien als Minimumstandard für medizintechnische Geräte zu beschließen. Im europäischen Rechtsraum sind das beispielsweise die ISO 14971, die das Risikomanagement regelt, und die IEC 62304 beziehungsweise das Amendment 1 von 2016. Die Ergänzung fordert, dass Softwareanforderungen auch immer IT-Sicherheitsanforderungen enthalten müssen. Auch die EU-Datenschutz-Grundverordnung beeinflusst die Datenschutzvorgaben im Gesundheitswesen und in der Medizintechnik.

Dazu kommt eine Reihe von nationalen Vorschriften des BSI und das IT-Sicherheitsgesetz für kritische Infrastrukturen. Da immer mehr medizintechnische Geräte in vernetzten Umgebungen zusammenarbeiten, werden die Anbieter nach der Definition zu Betreibern, für die dann die Medizinprodukte-Betreiber-Verordnung (MPBetreibV) mit ihren schärferen Vorgaben gilt.

Neue Aktionsfelder in der Medizintechnik

Digitales Wissen ist derzeit in rund einem Drittel der Krankenhäuser ein wesentliches Einstellungskriterium für Führungspositionen. Das gilt besonders für den kaufmännischen Sektor. Rund 15 Prozent der Kliniken setzen es sogar bei medizinischen Spitzenkräften voraus.
Die Anforderungen steigen weiter und in medizinische Einrichtungen wird Digital-Kompetenz von immer mehr Angestellten erwarten. Das schließt in Zukunft die Pflicht zur permanenten Weiterbildung auch für die meisten leitenden Angestellten mit ein.
Zum Jobprofil kaufmännischer und technischer Spitzenkräfte im Medizintechniksektor gehören dann wie selbstverständlich Erfahrung im Projekt- und Change-Management sowie Kenntnisse rund um Datenschutz und IT-Sicherheit.

Medizinische Leiter müssen künftig mit elektronischen Patientenakten und mobilen Klinikinformationssystemen arbeiten.
Dieser Herausforderung müssen sich nicht nur erfahrene Fach- und Führungskräfte stellen, sondern auch Nachwuchskräfte. In der medizinischen und pflegerischen Ausbildung nimmt Digitalisierungswissen aktuell nur einen minimalen Raum ein. Wer in Zukunft in der Medizintechnik Erfolg haben will, muss sich auch der IT-Herausforderung stellen und mit Eigeninitiative glänzen.